Pariser Nächte

Als Waise hat Henri niemals viel über die Identität seiner Eltern erfahren und ist in niedersten Verhältnissen aufgewachsen. Umso erstaunlicher war sein Aufstieg bis in die hohe Pariser Gesellschaft, den er sich mit Talent, Mühe und auch einer unerhört großen Portion Glück erkämpft hat. Und trotzdem hat er etwas von seinen Eltern behalten, ein einzelnes Erbstück, das er besitzt, solange er denken kann: ein alter, silbernern Ring, der eine rätselhafte Symbolik zeigt. Auf einem Felsen steht im Kampf ein Engel mit flammendem Schwert – sein Widersacher eine lange, gerollte Schlange. Trotz der geringen Größe und des Alters des Schmuckstücks ist diese Szene in fast schon außergewöhnlicher Detailtiefe zu erkennen. Die Arbeit eines Meisterschmieds – wer weiß, vielleicht liegt das künstlerische Talent in der Familie? Obwohl der Ring alleine schon wegen des Silbers mehr Wert sein dürfte, als alle anderen Waisenkinder zusammen besaßen, hat die Heimleitung ihn Henri behalten lassen und ihn angewiesen, ihn versteckt zu halten – damit niemand das kostbare Stück zu Augen bekam. Er besitzt den Ring bis heute – es ist das einzige, was ihm von seinen Eltern geblieben ist.

Heute, an einem warmen Frühlingsabend im Jahre 1636, ist Henri – wie so oft inzwischen – auf eine Gala in Paris eingeladen. Der Gastgeber scheint ein Kunstliebhaber zu sein und selbst auch einiges an gesammelten Schätzen zu besitzen – eine Gelegenheit also, die Henri bestimmt wahrgenommen hat. Doch es gibt da an diesem späten Abend etwas, das Henri immer wieder ablenkt, sich die Villa des Hausherren einmal genauer anzusehen: eine junge Dame, die ihn schon seit einiger Zeit mit verstohlenen Blicken ködert und ihn schließlich sogar direkt anspricht. Ihr Name ist Florence Fournier, das hat Henri bereits von einem anderen Gast in Erfahrung bringen können und nun steht sie da vor ihm, in einem edlem Kleid, mit kostbaren, goldenen Ohrringen und einem Augenaufschlag, der die allermeisten Männerherzen sofort entflammen lassen dürfte.
“Bonsoir, Monsieur! Ihr seid der Künstler, von dem hier alle sprechen, nicht wahr? Ich habe eines Eurer Werke auf der Galerie hängen sehen. Unser Gastgeber spricht nur Gutes über Euch und Eure Kunst und ich muss gestehen, auch mich hat das Gemälde sofort verzaubert. Eine wunderbare Landschaft, ist das die Normandie? Ich wäre zu versucht, herauszufinden, ob Ihr das Tanzbein ebenso elegant zu schwingen wisst wie Eure Pinsel.”


Mademoiselle Fournier – welche eine wundervolle Blume in dieser Einöde. Nehmt meinen Arm und ich zeige Euch, dass ich mich auf mehr als nur den Pinsel schwingen verstehe

Henri verbeugt sich galant und bietet der Dame seinen Arm um Sie dann auf die Tanzfläche zu geleiten.

Ihr solltet mir einmal Gelegenheit geben Model in meinem Atelier zu stehen


Beim langen und leidenschaftlichen Tanz meint sie schließlich: “Euer Atelier also Monsieur? Ich habe mich schon immer gefragt, wie ein Künster wie Ihr wohl arbeitet. Das muss ein faszinierender Ort voll sprühender Inspiration sein. Ich würde es nur zu gerne sehen.”


Wie wäre es noch heute Nacht Mademoiselle Fournier ? Das Licht von Hundert Kerzen wird unsere Sonne sein.


“Wie könnte ich ein solches Angebot wohl ausschlagen? Wenn Ihr mich denn sicher dorthin bringen könnt. Bei all den schaurigen Geschichten von Morden in der Stadt, fühlt man sich kaum noch sicher. Dabei haben wir doch so eine schöne, warme Frühlingsnacht. Das sollte keine Nacht sein, in der man sich fürchten muss.”
Und tatsächlich, ohne auf finstere Unholde zu stoßen oder sonst einen Zwischenfall gelangt man bis zu Henris Atelier.
“Beeindruckend, Monsieur. Ich war noch nie an einem solchen Ort. Zeigt mir, wie Ihr arbeitet! Und was wollt Ihr mir zu trinken anbieten?”


Henri führte Mademoiselle Fournier in seine Dachgallerie. Das Mondlicht, welches durch das riesige Dachfenster fiel, erhellte die Szenerie in bleichen Schatten. Langsam und bedächtig ging Henri von einer Kerze zur anderen und begann sie mit einem langen Span zu entzünden.
Das warme Licht der flackernden Kerzen fiel auf mehrere Staffeleien mit Bildern in diversen halbfertigen Stadien, verschiedenen auf den Boden verteilten Skizzen und Entwürfen, Farbklecksen und leere Weinflaschen.
“Für Euch nur das beste Mademoiselle Fournier, oder erlaubt Ihr mir gar Euch Florence zu nennen ? Ich habe hier einen ganzen ausgezeichneten Vin de Champagne " , hauchte Henri ihr zu.


“Sicher doch, nennt mich Florence. Das heißt, wenn ich Euch Henri nennen darf? Ihr habt ein außergewöhnliches Talent, wirklich. Dieser Ort ist zauberhaft.”

Nachdem man gemeinsam den ersten Becher Vin de Champagne getrunken hat, fühlt Henri sich plötzlich furchtbar unwohl. Mit einem Mal zieht sich sein Magen schmerzhaft zusammen und er muss nach Luft ringen.

“Geht es Euch nicht gut?”, fragt Florence – doch ohne die geringste Spur von Sorge in ihrem Gesicht, als Henri zu Boden sackt.

Alles um ihn herum wird unklar und unwirklich. Das Flackern der Kerzen verschwimmt in einem Meer aus Orange. Jeder Versuch, zu schreien oder zu sprechen, erstickt in der zusammengezogenen Kehle. Mehr als ein schwaches Keuchen bekommt er einfach nicht heraus. Was Henri um sich herum noch wahrnimmt gleicht einem Fiebertraum und er hat keine Ahnung, wie lange er so daliegt. Er kostet höchste Willenskraft, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Er ist nahezu gänzlich unfähig sich irgendwie zu bewegen und nimmt den Raum nur noch wie durch einen dichten Schleier wahr. Er erkennt die unscharfe Gestalt von Florence, die sich über ihn beugt und seine Taschen durchsucht. Sie knöpft sogar sein Hemd auf. Danach steht sie auf und aus den Augenwinkeln meint Henri noch wahrnehmen zu können, wie sie den Raum durchsucht. Schränke, Truhen, Schubladen. Dann glaubt er noch, ihre gedämpften Schritte in den anliegenden Räumen zu hören, ehe ihm schließlich völlig schwarz vor Augen wird.

Irgendwann wird Henri schließlich unsanft geweckt und sieht das besorgte Gesicht von Jean über sich. Er schüttelt ihn und hat ihm Wasser ins Gesicht gespritzt.
“Herrgott, was ist Euch denn widerfahren? Ihr seht ja furchtbar aus! Bislang habt Ihr es doch jedes Mal noch in Euer Bett geschafft…”
Henri fühlt sich noch immer schrecklich, doch er kann sich wieder bewegen und sprechen. Sein Körper hat die schlimmste Wirkung des Gifts überstanden. Die Kerzen im Aetlier sind kaum heruntergebrannt, er kann also nicht allzu lange bewusstlos hier gelegen haben. Von Florence ist aber keine Spur.


“Schnell Jean, erinner Dich ! Hast Du jemanden rausgehen gehört ? Wielang ist das her ?” Henri greift panisch an seinen Hals. Er sucht die Kette mit dem kleinen Beutel in dem er gewöhnlich seinen Ring aufbewahrt, doch seine Hand greift diesmal ins Leere.


“Euch habe ich gehört, vor einer guten halben Stunde. Und Ihr wart wohl in Begleitung, da hatte ich nicht vor, zu stören. Ich habe erst hier nachgesehen, als ich die Tür erneut hörte und danach hier noch Licht brannte. Das war vor ein paar Minuten.”

Man kann also versuchen, noch die Verfolgung aufzunehmen, doch die verläuft ziemlich schnell ins Leere. Nicht nur, dass es Henri noch immer hundeelend geht und er beim Rennen bald vor Schwindel umzufallen droht, von Florence ist auch weit und breit keine Spur zu finden.
Wenn man am Folgetag versuchen will, herauszufinden, wo die Dame wohnt, wird man bestimmt erfahren können, dass sie in der Villa ihres Cousins, des Baron Reims, wohnt. Das Gebäude befindet sich in der Nähe des Palais-Cardinal.

Heute erreicht Henri ein Brief, während der am Planen ist, wie man am besten in das Anwesen des Barons einbrechen könnte. Der Brief muss des Nachts unter der Tür des Ateliers durchgeschoben worden sein. Der Umschlag ist versiegelt, doch das Wachs zeigt weder Wappen noch Siegel.

“Ehrenwerter Freund,
ob Ihr es schon ahnt oder nicht – Euer Leben ist in Gefahr, genauso wie das meinige. Trotzdem muss ich Euch bitten, einem Fremden zu vertrauen und mich heute Nacht zu treffen. Ich kann Euch Antworten geben, die Ihr sucht, doch Ihr müsst Euch bewusst sein, dass jede Wahrheit ihren Preis hat. Ich will Euch berichten von Euren Eltern, ihrer Pflicht und Eurem Erbe und ich will Euch erklären, warum mein Kampf auch der Eure ist. Eine Stunde nach Mitternacht in Saint-Michel du Palais in der Conciergerie. Das Vermächtnis Eures Vaters wird Euch den Weg weisen. Kommt allein und seid wachsam, denn Feinde lauern überall. Traut niemandem!

Bibliothecarius"

Pariser Nächte

Régime Diabolique Andi_SL