Jäger und Gejagte

Mit seiner leiblichen Mutter hatte Jean-Luc schon seit seiner Geburt nichts mehr zu tun gehabt, er wusste wohl, dass es sie gab und dass sie irgendwo in Paris leben musste, doch auch seit er selbst in die Hauptstadt gekommen war, ist es niemals zu einem Zusammentreffen gekommen. Umso erstaunlicher war es, als Jean-Luc vor einigen Tagen eine Nachricht von ihr bekam. Ein Briefumschlag ohne Absender, offenbar persönlich vorbeigebracht, darin nicht nur der zusammengefaltete Brief, sondern auch ein alt aussehender Silberring. Auf dem Schmuckstück ist ein filigran gearbeitetes Motiv zu sehen: ein Engel mit Schwert auf einem Felsen, im Kampf mit einer gewundenen Schlange. Der Inhalt des Briefs fällt recht rätselhaft aus.

Mein geliebter Sohn,

wenn du diesen Brief erhälst, habe ich, deine Mutter, mit großer Wahrscheinlichkeit bereits das irdische Frankreich verlassen und gegen das Königreich des Himmels getauscht. Ich habe ein sündiges Leben geführt, das nicht ohne Laster war und dich, meinen Sohn, ohne mütterliche Liebe aufwachsen lassen zu müssen, lastete schwer auf meinem Herzen. Doch trotzdem bin ich mir nun sicher, dass mein einer, treuer Dienst mir am Ende nun doch Erlösung bringen wird, denn ich habe sie gesehen. Heute Nacht ist mir ein Engel im Traum erschienen, der heilige Michael in all seinem lichtenen Glanz, ich habe ihn gleich erkannt wie einen alten Vertrauten. Er hat mir versprochen, sich meiner Seele anzunehmen und das ist weit mehr, als eine alte, sündige Frau wie ich es bin erbeten könnte. Doch ich verstand auch, dass mir damit eine letzte Aufgabe aufgetragen war, nämlich dir, mein Sohn, dieses dein Erbe anzuvertrauen, das ich dir so lange vorenthalten habe. Ich tat das, das musst du wissen, um dich zu schützen, was auch der Grund war, weshalb ich nie den Kontakt zu dir gesucht habe, obwohl ich wohl weiß, dass du seit längerer Zeit in Paris bist. Und ich wünschte, ich könnte dir dieses Erbe auch weiterhin ersparen, doch meine Vision lehrte mich eines besseren. Ich wünsche mir, dass du die Kraft hast, diese geerbte Pflicht zu erfüllen, denn es wird schon bald soweit sein, da bin ich mir sicher.
Du bist, mein Sohn, nicht das wahre Kind von Ricard de Gadebois, obwohl ich ihm über alles dankbar bin, dass er sich deiner so fürsorglich angenommen hat und dir so lange ein friedliches Leben ermöglichte, trotz all der Probleme, die das für ihn selbst bedeutete. Er war ein guter Freund deines wirklichen Vaters. Bitte verzeih uns, dass wir dir nicht die Eltern waren, die du verdient hättest, doch uns blieb keine andere Wahl, denn wir selbst hätten dich nicht vor dem Feind beschützen können. Es war das sicherste, dass niemand von deiner wahren Herkunft wusste und es ist das beste, wenn das auch so bleibt. Doch du, mein Sohn, hast die Wahrheit verdient, das hat mich die Begegnung mit dem heiligen Michael gelehrt. Ich kann dir mehr leider nicht erzählen. Hüte dein Erbstück gut und bete, dass ich mich irre und du es niemals tragen musst. Doch ich weiß, dass ich mich hier nicht irre. Sei stark mein Sohn, wenn es so weit ist, denn das Schicksal Vieler wird in deinen Händen liegen. In diesen meinen letzten Momenten bete ich für dich und hoffe, dass du neben Leid und Tod doch auch noch soetwas wie Hoffnung und Liebe in deinem restlichen Leben erfahren wirst. Es schmerzt mich zutiefst, dass ich es nicht sein konnte, dir das in deiner Kindheit zu geben.

In Liebe und Bitte um Vergebung,
deine sterbende Mutter

Heute, an einem warmen Tag im Frühjar 1636, wird Jean-Luc von einem flüchtigen Bekannten aufgesucht, nämlich von François Fournier, dem Baron Reims. Sie kennen sich eigentlich nur vom Sehen und haben niemals viele Worte gewechselt.

“Bonjour Monsieur, wie gut, dass wir uns so zufällig über den Weg laufen. Ich bin gerade dabei, eine kleine Jagdgesellschaft in meiner Heimat, der Montagne de Reims zu veranstalten. Wir haben dort wunderbare Hirsche und es schadet ja nie, bei den hohen Herren von Paris etwas Eindruck zu schinden, nicht wahr? Es sind jedenfalls einige Adlige vom Hof eingeladen und ich selbst bin, nunja, das will ich offen zugeben, nicht der beste Jäger und Schütze. Was haltet Ihr davon, wenn Ihr mich bei der Sache begleitet – dann haben wir zumindest Einen dabei, der weiß, was er tut und diese Angelegenheit endet nicht in einer furchtbaren Blamage für meinen Namen. Man hat mir von Euren Fähigkeiten erzählt und ich glaube, Ihr seid genau der Mann, den ich da brauchen kann. Was haltet Ihr also davon? Ihr werdet die Zeit über mein Gast sein und wir werden mit Sicherheit nicht länger als einige Tage von Paris fort sein.”


“Bonjour Monsieur.”
Jean-Luc mustert den Baron in seiner üblichen Art kurz von oben bis unten und braucht scheinbar einen Moment um den Geischt im Geiste einen Namen zuordnen zu können.
“Nun, das ist durchaus ein freundliches Angebot. Wer wäre ich dies abzulehen?”
Der Jäger versucht ein freundliches Lächeln hervorzubringen, scheitert jedoch dabei.
“Es freut mich immern, wenn man gut von mir redet. Aber ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich in euren Länderein nicht auskenne, daher kann ich für keine erfolgreiche Jagd garantieren Monsieur.”


“Fabelhaft, fabelhaft! Macht Euch keine Sorgen wegen der Ländereien, auch ich kenne sie nicht so gut, wie das vielleicht angemessen wäre. Aber wir haben Ortskundige mit dabei. Deren Wissen und Euer Talent werden uns schon zum Erfolg führen. Ich lasse einen Boten nach Euch schicken, wenn wir aufbrechen.”

Jean-Luc ist also mit der Jagdgesellschaft des Barons unterwegs und so streift man bei einem angenehmen Wetter durch die Wälder der Montagne de Reims. Die Bezeichnung “Montagne” ist etwas vermessen, Berge sind nirgends zu sehen, dafür sanfte, bewaldete Hügel. Und die ersten Spuren von Hirschen sind auch bald ausgemacht.
Doch bereits am ersten Nachmittag der Hirschjagd geschieht etwas unvorhergesehenes: Jean-Luc hat sich ein Stück von der übrigen Gesellschaft entfernt, um einer Fährte nachzugehen, als plötzlich ein Schuss ertönt. Auf einer Jagd nichts ungewöhnliches, würde Jean-Luc nicht direkt neben seinem Kopf ein Splittern hören und erkennen, wie die Kugel nur unweit von ihm in einen Baumstamm eingeschlagen ist. Entweder hat da jemand aufs Unglücklichste gefehlt – oder dieser Schuss galt keinem Hirsch, sondern Jean-Luc!
Der Schütze ist schnell ausgemacht. Etwa 50 Meter entfernt steht ein Mann zwischen den Bäumen, eine schwarze Feder im Hut. Auch auf die Entfernung kann Jean-Luc ihn erkennen, es ist einer der Gäste des Barons – irgendein Chevalier aus Paris, der Jean-Luc sicherlich zu Beginn einmal vorgestellt worden war, dessen Name, Gesicht und Herkunft aber zu uninteressant waren, ihn sich unbedingt zu merken. Da steht er, mit noch qualmendem Musketenlauf – und kein Stück Wild weit und breit, auch die übrige Gesellschaft ist hunderte von Metern entfernt.


Verdutzt mustert Jean-Luc den fast völlig Fremden, auf der Suche nach einer weiteren Waffe, die unter der Kleidung versteckt sein könnte. Dabei hält er seine Muskete fest gepackt in beiden Händen.
“Monsieur jetzt habt ihr das Wild verscheucht.”
Er bemühte sich ruhig zu wirken, obwohl ihm sein Herz bis zum Hals schlug. Zahlreiche Gedanken rasten dem Jäger durch den Kopf. Wie er es aber auch wendete diese Situation konnte nur schlecht für ihn ausgehen.
“Ihr habt euch weit von der restlichen Gesellschaft entfernt.”


Ohne zu antworten senkt der Schütze die Muskete, dreht sich um und eilt davon – in Richtung der übrigen Jagdgesellschaft. Falls er weitere Waffen bei sich trägt, scheint er nicht zu beabsichtigen, eine zu ziehen.


Zu tiefst erleichtert atmet Jean-Luc hörbar aus. Langsam lehnt er sich mit dem Rücken gegen einen Baum und versucht sich zu beruhigen. Sein Blick folgt dem Fremden solange wie möglich, bis er zwischen den Bäumen verschwindet. Erst einige Augenblicke später setzt sich der in die Jahre gekommene Mann selbst in Bewegung. Sein Ziel ist ebenfalls die Jagdgesellschaft, jedoch sind seine eigenen Schritte deutlich langsamer, als die seines neuen “Freundes”.


Als Jean-Luc zur Jagdgesellschaft zurückkehrt hört er den Baron Reims schon rufen: “Dieser Schuss – seid Ihr das gewesen? Habt Ihr die Fährte wohl verfolgen können? Wo ist der Hirsch?”
Der Schütze steht ebenfalls wieder bei den Männern des Barons, die Muskete geschultert, als wäre nichts gewesen. Er würdigt Jean-Luc keines Blickes.


Der Mann nickt.
“Ja das war mein Schuss Monsieur. Der Hirsch ist mir aber leider entwischt.”
Auch er lässt sich nichts anmerken und und mischt sich wieder unter die Jagdgesellschaft. Immer mit einem halben Auge auf dem Fremden und den Personen die ihn umgeben.


Der Rest des Tages verläuft ohne besondere Zwischenfälle. Jean-Luc kann den Namen des Mannes, der den Hut mit der schwarzen Feder trägt, schnell wieder herausfinden. Er heißt André de Guiles. Und er verhält sich inzwischen völlig gewöhnlich, als sei rein gar nichts gewesen. Als später am Tag unter Jean-Lucs Leitung der erste Hirsch geschossen wird, klopft er ihm sogar auf die Schulter und meint: “Glückwunsch, Monsieur! Da habt Ihr es nach dem Fehlschuss vorhin ja doch noch hinbekommen. Ihr scheint wirklich etwas von der Jagd zu verstehen.” Er sagt das mit einem Gesichtsaudruck, der ehrlicher nicht sein könnte.


Unsicherer könnte Jean-Luc wohl kaum sein, dennoch bemüht er sich weiter eine ruhige Fasade aufrecht zu erhalten.
Am Abend versucht er noch ein paar mehr Informationen über André de Guiles in Erfahrung zu bringen, als dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt zu sein scheint, geht er möglichst früh zu Bett. Dort versucht er sich noch einmal die Ereignisse des Tages in den Kopf zu rufen.


Und so vergeht der Jagdausflug in die Montagne de Reims ohne weitere Zwischenfälle. André de Guiles verhält sich, als habe sich die Szene im Wald niemals abgespielt. Und auch der Rest der Gesellschaft scheint nichts mitbekommen zu haben. Der Baron spricht Jean-Luc seinen größten Dank aus, als man schließlich nach Paris zurückgekehrt ist. “Ich bin froh, Monsieur, dass Ihr dabei gewesen seid. Ohne Euch wäre diese Jagd wohl kaum so erfolgreich verlaufen. Ich hoffe, auch Ihr habt den kleinen Ausflug genossen.”

Heute erreicht Jean-Luc ein Brief. Er muss des Nachts unter der Tür durchgeschoben worden sein. Der Umschlag ist versiegelt, doch das Wachs zeigt weder Wappen noch Siegel.

“Ehrenwerter Freund,
ob Ihr es schon ahnt oder nicht – Euer Leben ist in Gefahr, genauso wie das meinige. Trotzdem muss ich Euch bitten, einem Fremden zu vertrauen und mich heute Nacht zu treffen. Ich kann Euch Antworten geben, die Ihr sucht, doch Ihr müsst Euch bewusst sein, dass jede Wahrheit ihren Preis hat. Ich will Euch berichten von der Pflicht und dem Erbe Eurer wahren, leiblichen Familie und ich will Euch erklären, warum mein Kampf auch der Eure ist. Eine Stunde nach Mitternacht in Saint-Michel du Palais in der Conciergerie. Das Vermächtnis Eures Vaters wird Euch den Weg weisen. Kommt allein und seid wachsam, denn Feinde lauern überall. Traut niemandem!

Bibliothecarius"

Jäger und Gejagte

Régime Diabolique Andi_SL