Heimkehr ins Ungewisse

Es ist ein warmer Frühlingstag, als das mächtige Segelschiff in den Hafen von La Rochelle einfährt – mit an Bord Renard de Gramont, der von hier aus weiter nach Paris reisen will. Es bleibt ihm wenig Gelegenheit, die alte Heimaterde unter seinen Sohlen zu spüren, als er am Hafen vom Schiff steigt, denn während Nikatatè das Gepäck holt fällt Renard sofort ein Mann auf, der ihn und alle weiteren Reisenden, die das Schiff verlassen, zu beobachten scheint. Er ist jung, an die 20 und trägt das Wappen des Hospitalerordens auf seinem Mantel. Der Fremde geht einige Schritte Renard entgegen und mustert ihn, der Ausdruck in seinem Gesicht ist unsicher. Mit zögerlicher Stimme spricht er Renard schließlich an.
“Verzeiht mir die Frage, Monsieur, doch könntet Ihr wohl zufällig Monsieur Renard de Gramont sein? Ich bitte um Verzeihung, man gab mir nur eine sehr vage Beschreibung.”
Der junge Hospitaler greift in seinen Mantel und holt einen schweren, versiegelten Briefumschlag hervor.
“Monsieur LaSalle hat mich angewiesen, Euch und nur Euch persönlich diesen Brief zu überbringen. Es muss sehr wichtig sein, Monsieur.”
Ungewöhnlich – hatte doch Renard bislang nie mit diesem LaSalle zu tun gehabt. Noch ungewöhnlicher ist, dass das Siegel des Briefs das Wappen seiner eigenen Familie zeigt.
In dem Briefumschlag befindet sich neben dem Papier auch ein kleiner Gegenstand – ein Ring aus Silber, der ein beeindruckendes, filigran gearbeitetes Emblem zeigt. Eine engelsgleiche Gestalt mit erhobenem Schwert auf einem Felsen, sie ringt mit einer furchtbaren gewundenen Schlange. Als Mann von Bildung erkennt Renard sofort in dem Engel mit dem Flammenschwert den Heiligen Michael – und die Schlange wird gewiss die Gestalt des Teufels selbst sein. Ein rätselhaftes Motiv, das Renard in dieser Form so noch nie gesehen hat. Und dann ist da der Brief, der – wie Renard erstaunt feststellen kann – in der Handschrift seines eigenen Vaters verfasst ist.

“Mein lieber Sohn,

ich habe deine Mutter gebeten, dir diesen Brief und dieses alte Familienerbstück zu übergeben, sollte ich eines Tages aus diesem Leben gehen. Ich hoffe, der Herr erbarmt sich meiner Seele und lässt diesen Tag lieber später als früher kommen, doch auch wenn du selbst wohl noch nichts davon ahnst, führe ich ein Leben, bei dem ich stets mit dem Schlimmsten rechnen muss. Ich trage eine schwere Bürde, mein Sohn – eine heilige Pflicht, die mit diesem meinem Tod nun an dich als meinem einzigen Sohn übergegangen ist. Ich wünschte, ich könnte dich vor diesem Erbe bewahren, doch wie schon mein Vater vor mir, lässt mir die heilige Tradition keine Wahl und so stand dein Schicksal schon an jenem Tage fest, als der Herrgott dich uns schenkte. Ich vertraue darauf, dass du auf deinen Reisen in die Ferne zu dem Mann wirst, in dessen Händen diese Bürde sicherer liegt als in jedem anderen. Ich bin sehr stolz auf dich, mein Sohn und ich wünsche dir viel Kraft für die Aufgaben, die vor dir liegen. Mit Glück wird dir die tatsächliche Berufung erspart bleiben, doch das glaube ich kaum. Ich weiß, dass du einmal an meiner Stelle diesen uralten Kampf forttragen wirst – wie es vor mir mein Vater und davor mein Großvater getan hat. Der Tag, an dem die Pflicht dich ruft, wird womöglich auf sich warten lassen, doch irgendwann wird er kommen. Ich bete, dass du dann bereit bist. Bis dahin, halte dieses Erbstück gut verborgen. Bis zu jenem Tag, an dem man dich zur Pflicht ruft, wirst du ihn besser nicht tragen – denn Feinde lauern überall.

Dein stolzer, dich liebender Vater."

Der Brief muss alt sein, ist Renards Vater doch schon vor längerer Zeit gestorben. Offenbar hat seine Mutter diesen Brief nie an ihn weitergeleitet – zumindest nicht bis zu ihrem kürzlichen Tod.

Die verbleibende Reise nach Paris verläuft jedenfalls ohne besondere Zwischenfälle. Was hat Renard denn als erstes vor, wenn er in der alten Heimatstadt zurück ist?


Das kommt zunächst mal darauf an, was ihm an Familienbesitz verblieben ist. Hat er noch ein Quartier in der Stadt, oder muss er sich ein Hotel suchen? Dann wird er versuchen, sich einen Überblick über die Situation seines Erbes zu verschaffen (was für’s Spiel sicher nicht so spannend ist, daher können wir das gerne mit ein paar kurzen Sätzen abhandeln).

Und dann wird wohl relativ bald die Neugier mit ihm durchgehen, und er wird (interessanter für das Spiel) versuchen, diesem Monsieur LaSalle (der doch tatsächlich den gleichen Vornamen trägt wie er selbst!) einen Besuch abzustatten. Er will vor allem in Erfahrung bringen, wieso dieser Brief seines Vaters durch die Hand LaSalles in seinen Besitz gelangt ist, d.h. was LaSalle und seine Familie verbindet (der Spieler kann es sich denken, aber der Charakter hat keinen Schimmer). Dass LaSalle zum Hospitalerorden gehört und dass dessen Hauptquartier gerade einem Angriff ausgesetzt war, versetzt Renard natürlich in Unruhe – nicht dass seine neu gewonnene “Informationsquelle” jetzt den Tod gefunden hat, kurz bevor er dort vorstellig werden kann…


Dann würde ich einmal sagen, dass dir von dem Erbe nach der “feindlichen Übernahme” durch deinen netten Cousin Jaspard de Bois-Gilbert nur ein einfaches Stadthaus in Paris und dazu ein Geldbetrag verblieben ist, der es ermöglichen würde, für einige Zeit aber ohne Einkünfte auch nicht ewig ein Leben als besserer Bürgerlicher zu führen.
Den eigentlichen standesgemäßen Familiensitz in Paris, Titel und Ländereien hat sich dein Cousin erschlichen, wobei es ihm wohl sehr geholfen hat, sofort vor Ort gewesen zu sein und gute Freunde am Königshof zu haben. Dazu ein paar kompetente Rechtsverdreher angeheuert und Bestechungsgelder in die richtigen Taschen fließen lassen und schnell war alles beglaubigt und unter Amt und Siegel. Mittelfristig könnte man natürlich versuchen, da irgendwie gegen vorzugehen, doch für den Moment fehlen Renard wahrscheinlich die notwendigen Mittel und Beziehungen.

Wenn Renard dann diesen Chevalier LaSalle aufsuchen will, wird er die ganze Geschichte mit den Morden mitbekommen und man wird ihm mitteilen, dass LaSalle Paris für unbestimmte Zeit verlassen hat und nun an einem unbekannten Ort verweilt. Wenn Renard allerdings bereit ist, Name und Adresse zu hinterlassen, wird man versprechen, ihn zu benachrichtigen, wenn Chevalier LaSalle zurück ist. Der Mann scheint unter den Hospitalern im Temple auf jeden Fall wohlbekannt – er wohnt wohl selbst auch direkt dort. Er zählte auf jeden Fall nicht zu den Opfern des Angriffs, wie es scheint.


Ich glaube, auf das Hinterlassen von Name und Anschrift verzichtet Renard in Anbetracht der jüngsten Ereignisse beim Hospitalerorden erstmal (“Die scheinen einflussreiche Feinde zu haben, da will ich erstmal nicht mehr als nötig auf mich aufmerksam machen.”). Er wird dann eher ab und zu mal nachhören, ob der Chevalier zurückgekehrt ist; ich könnte mir auch vorstellen, dass sich das in den entsprechenden Kreisen ohnehin herumspricht.

Tja, was steht sonst noch an? Ein Gang in die Kirche, um für die wohlbehaltene Rückkehr zu danken. Ein Gang auf den Friedhof, wo seine Frau Mutter in Abwesenheit ihres einzigen Sohnes beigesetzt wurde und nun an der Seite des Vaters ruht.

Danach verbringt er etwas Zeit mit Recherche, einfach weil er der Typ dazu ist. Er wird die Bibliothèque du Roi aufsuchen und dort so unauffällig wie möglich auf Hinweise nach Organisationen suchen, die sich auf den Heiligen Michael beziehen. Außerdem würde er in einer stillen Stunde daheim Brief und Ring noch einmal gründlich auf geheime Hinweise (Geheimtinte etc.) untersuchen. Dann wird er beide in einem geeigneten Versteck (es gibt da doch bestimmt diesen losen Stein im Arbeitszimmer o.ä.) verstecken. Ach ja, und wenn wir schon bei losen Steinen sind, wird er das Haus von Kopf bis Fuß auf Spuren der Geheimidentität seines Vaters durchforsten.

Wenn all das nichts bringt (was ich als Spieler erstmal erwarten würde), wird er das Thema erstmal zu den Akten legen und sich daranmachen, Pläne für seine Rückkehr in die Pariser Haute Société zu schmieden. Ich könnte mir vorstellen, dass dabei ein Gang in den Salon einer gewissen Bellevie Chevallier führt. Ob es dazu noch vor Spielbeginn kommt, musst du selbst entscheiden.


Also eine Organisation, die den Erzengel Michael als ihren Schutzpatron hat, wird kaum zu übersehen sein, nämlich der Ordre de Saint-Michel. Deren Emblem zeigt tatsächlich ebenfalls den heiligen Michael im Kampf mit der Schlange, allerdings bewaffnet mit einer Lanze und keinem flammenden Schwert. Der Orden des Heiligen Michael ist direkt dem König unterstellt und die Mitgliedschaft wird nur an Adlige und für herausragende Leistungen im Dienst für die französische Krone verliehen.

Eine nähere Untersuchung des Briefes ergibt nichts und eine Untersuchung des Ringes nur, dass er sehr alt sein muss. Auch im Haus finden sich keine Spuren, mit Sicherheit aber ein geeignetes Versteck für das Schmuckstück.

Wenn du noch vor dem Spiel Bellevies Salon aufsuchen willst, könnt ihr das gerne in einem separaten Thema ausspielen – ganz wie ihr wollt, muss aber auch nicht sein.

Ansonsten würde es noch zu geringfügigeren Vorfällen kommen. Eines Morgens findet Renard vor seiner Haustür die abgeschnittene Kralle eines Raben. Und ein anderes Mal berichtet Nikatatè, er habe des Nachts eine Gestalt um das Haus herum schleichen sehen – die war aber schnell verjagt.

Als Renard heute einmal wieder am Temple vorbeisieht, um sich nach dem Verbleiben von Chevalier LaSalle zu erkundigen, trifft er den jungen Hospitaler vom Hafen in La Rochelle wieder. Der erklärt ihm, es sei heute morgen ein Brief für ihn hinterlegt worden. Der ist zwar an Renard adressiert und versiegelt, das Wachs zeigt jedoch kein Wappen.

“Ehrenwerter Freund,
ob Ihr es schon ahnt oder nicht – Euer Leben ist in Gefahr, genauso wie das meinige. Trotzdem muss ich Euch bitten, einem Fremden zu vertrauen und mich heute Nacht zu treffen. Ich kann Euch Antworten geben, die Ihr sucht, doch Ihr müsst Euch bewusst sein, dass jede Wahrheit ihren Preis hat. Ich will Euch berichten von der Pflicht und dem Erbe Eurer Familie und ich will Euch erklären, warum mein Kampf auch der Eure ist. Eine Stunde nach Mitternacht in Saint-Michel du Palais in der Conciergerie. Das Vermächtnis Eures Vaters wird Euch den Weg weisen. Kommt allein und seid wachsam, denn Feinde lauern überall. Traut niemandem!

Bibliothecarius"

Heimkehr ins Ungewisse

Régime Diabolique Andi_SL