Ein nächtlicher Besucher

Es ist eine warme Frühlingsnacht im Paris des Jahres 1636, als Bellevie aus einem unruhigen Schlaf erwacht. Sie hat von ihrem Vater geträumt, von den “Tanzstunden” im heutigen Salon und von einigen diffusen, rätselhafteren Dingen. Da war eine gewundene Schlange mit bösartigen Augen, die im Traum nach ihr geschnappt hat. Und eine strahlende Lichtgestalt, mit weißen Flügeln und einem rot-flammenden Schwert. Dass es die Figuren aus dem Motiv vom Ring ihres Vaters sind, wird Bellevie erst in dem Moment klar, als sie wach wird und die Augen aufschlägt. Doch es waren nicht die seltsamen Träume, die sie geweckt haben – es war ein Geräusch im Haus. Ihren Bruder kann sie bis durch die Türen und über den langen Gang in der Ferne gedämpft schnarchen hören und von den Bediensteten sollte niemand mehr wach sein. Was war also das Geräusch? Nach einem vorsichtigen Blick auf den Gang kann Bellevie in der Dunkelheit die vertraute Silhouette eines Mannes erkennen. Er flüstert, mit dieser tiefen Stimme und dem leichten deutschen Akzent.

“Es tut mir außerordentlich Leid, Euch geweckt zu haben, Mademoiselle Baronne. Es lag nicht in meiner Absicht. Und bitte verzeiht mir dieses unredliche Eindringen in Euer Haus, doch ich hätte in dieser Nacht nicht ruhig schlafen können. Nicht nach dem, was mir zu Ohren gekommen ist. Nichts liegt mir ferner, als Euch zu beunruhigen, doch ich fürchte, Euer Leben ist in Gefahr. Bitte fragt mich nicht nach meinen Quellen, ich müsste lügen – und mein Herz würde brechen, Euch eine Unwahrheit erzählen zu müssen. Legt Euch einfach wieder schlafen und ich bleibe hier, nur zur Sicherheit. Ich würde es nicht ertrage, wenn Euch etwas zustieße. Bitte, geht in Euer Bett zurück. Ich werde sichergehen, dass Euch nichts Böses widerfährt und ehe der Morgen graut und die Diener erwachen, werde ich fort sein. Ich verlange Euch damit viel ab, das ist mir gewiss, doch ich beschwöre Euch, meine Baronne, bitte vertraut mir in dieser Angelegenheit.”


Bellevie setzt sich in ihrem Bett auf, die Laken eng um den Körper geschlungen, und versucht im Dunkeln mehr von dem Mann zu erkennen als seine Silhouette – auch wenn sie ahnt, dass dieses Streben vergebens ist. Ihr Blick huscht vom Fenster zur Tür – wie ist er nur ungesehen hier hinein gekommen? Ihr Kopf schwirrt ihr noch ein wenig davon, so plötzlich geweckt worden zu sein.

“Ihr wisst, dass ich bei solch’ unangekündigtem nächtlichen Besuch eigentlich meinen Bruder wecken müsste. Ihr seid nicht der erste, Monsieur, der sich wünschte mich nachts beim Schlafen zu betrachten, aber ihr seid sicherlich der erste, der daraus mehr als bloß blasierte Worte macht. Welche Gefahr droht mir? Droht meiner Familie Gefahr?” Eindringlich starrt sie in die Schatten, um vielleicht doch einen Blick in die Augen des Fremden werfen zu können, um einschätzen zu können, welches Spiel er hier treibt.


Der wohlbekannte Fremde zögert einen Moment, was ungewöhnlich ist, hat Bellevie ihn doch bislang niemals um Worte ringend erlebt. Er hebt beschwichtigend die Hände, während sein Gesicht im Schatten des nächtlichen Hauses verborgen bleibt. Endlich flüstert er weiter.
“Vergebt mir, Mademoiselle Baronne. Ich kann Eure Zweifel sehr gut nachfühlen, doch mir bleibt nichts, als zu erflehen, dass Ihr meinen Worten Vertrauen schenkt. Lasst Euren Bruder ruhig schlafen, ich denke nicht, dass ihm oder dem Rest des Haushalts Gefahr droht. Man ist hinter Euch her, Mademoiselle und nur Euch. Ich fürchte, dass es die gleichen Männer sind, die auch Euren edlen Vater auf dem Gewissen haben.”
Er zögert noch einen langen Moment, es scheint ihm wirklich schwer zu fallen, sich zu den folgenden Worten durchzuringen. Sein Flüstern ist nun kaum noch hörbar.
“Euer Vater – ich will nicht behaupten, ihn gut gekannt zu haben, doch gut genug, um zu wissen, dass er ein bewundernswerter Mann von Ehre war. Ich trage ihm gegenüber eine unauflösliche Schuld, denn er rettete mir dereinst das Leben. Darum, Mademoiselle, ist es meine mindeste Pflicht, in dieser Nacht über Euch zu wachen. Wenn Ihr mir dennoch nicht trauen könnt, so kann ich das verstehen und ein Wort von Euch genügt – und ich werde gehen.”


Dann geht, liegt ihr auf der Zunge, und doch bringt sie es nicht über ihre Lippen. Sie traut diesem Fremden keinen Schritt weit, sie ahnt, wie oft er das Gesetz gebrochen hat. Und dennoch… Da ist irgendetwas an ihm, das sie davon abhält, ihn fortzuschicken; eine Faszination an dem Fremden, dem Unbekannten, das sie besser kennen lernen will. Vielleicht ist das ja die Gelegenheit.

Sie deutet auf einen Sessel, der neben einem niedrigen Tisch und einem Sofa am Rande des Zimmer steht, und schält sich im Nachthemd aus dem Bett heraus. “Wenn das stimmt, was Ihr sprecht, dann bleibt. Und erzählt mir, woher Ihr meinen Vater kanntet – und was Ihr über die Männer wisst, die ihn ermordet haben.” Unruhig streicht sie sich über den Hals und spielt an der Kette, an der der Ring ihres Vaters unter dem Nachthemd verborgen liegt.


Er zögert einen qualvoll langen Moment und Bellevie muss fast schon denken, dass der Mann sich abwenden will, doch dann tritt er tatsächlich ins Zimmer.

“Na schön, Mademoiselle Baronne. Ich denke, Ihr habt es verdient, mehr zu wissen – wenn auch mein eigenes Wissen sehr begrenzt ist.”

Er setzt sich in den Sessel, am Gürtel unter dem Mantel ragt der Griff eines Rapiers hervor. Obwohl er ihr jetzt so nah ist und ein wenig Licht von draußen durch das Fenster fällt, kann Bellevie nicht viel erkennen. Die obere Gesichtspartie ist mit dunklem Stoff verhüllt, der nur die Augen ausspart.

“Ich verdanke Pierre Chevallier mein Leben. Ich war kaum mehr als ein Junge, als ich in Dijon auf ihn traf. Ich fürchte, Ihr würdet mir nicht glauben, wenn ich Euch erzählte, wovor genau er mich gerettet hat und ich könnte es nicht ertragen, wenn Ihr mich für einen Lügner hieltet – daher will ich nur sagen, ich habe ihn als großen Kämpfer voller Heldenmut erlebt, furchtlos gegenüber einem schrecklichen Feind – einem, der mich bis heute in meinen Träumen heimsucht. Euer Vater, Mademoiselle, war ein Soldat Gottes und nichts geringeres. Als ich nach Paris kam, bin ich ihm erneut begegnet, doch es wäre vermessen zu sagen, dass ich ihn wirklich gut gekannt hätte. Doch ich weiß, dass er mehr Feinde hatte als Freunde – so wie es leider einem jeden in diesem Land beschert ist, der Heiliges tut.

Und warum ich mich um Euer Wohl sorge? Ihr habt von den Morden am Temple gehört? Ich fürchte, die armen Opfer waren Vertraute Eures Vaters. Und…"

Wieder zögert er unsäglich lange, scheinbar mit sich ringend, ob er die folgenden Worte wirklich aussprechen soll. Doch dazu kommt es nicht, denn er springt plötzlich auf und eilt ans Fenster.

“Habt Ihr das gesehen? Dort drüben ist jemand. Auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes. Er ist nun verschwunden. Ich muss nachsehen…”

Seine Rechte wandert an den Griff seines Rapiers und er macht Anstalten, zur Tür zu schreiten.


Bellevie mustert den Mann nachdenklich, während er spricht. Er kannte meinen Vater. Ein Heiliger? Sie erinnert sich daran, wie sie früher mit ihrem Vater lachend durch die Straßen der Stadt gelaufen ist und am Markt ein Spiel daraus gemacht haben, Äpfel vom Obststand zu klauen. Was hat Vater nur all die Jahre getrieben?

Unerwartet schreckt sie aus ihren Gedanken hoch, als der Mann zum Fenster stürmt. Ist das der Moment, auf den mich mein Vater vorbereiten wollte? Er hätte wenigstens sagen können, dass mich irgendwelche finsteren Gestalten des nachts überraschen werden. Sie steht ein wenig zögernd im Raum, als der Verhüllte sich nach kurzem Zögern zur Tür bewegt. Sekunden verstreichen. “Verdammt”, flucht sie leise vor sich hin und setzt den Kerzenhalter ab, um einen langen Mantel aus ihrem Kleiderschrank zu suchen und in ein paar Schuhe zu schlüpfen. “Wartet! Wenn das die Mörder meines Vaters sind, dann will ich sie sehen! Wenn sie mich haben wollen, sollen sie mich doch fangen!”

Hastig eilt Bellevie in die Schreibstube ihres Bruder – unaufgeräumt wie immer -, um sich sein ohnehin immer unbenutztes Rapier auszuleihen. Es liegt schwer in der Hand, wirkt ungepflegt, nicht so wie ihre eigene leichte, ausbalancierte Waffe, aber es wird schon tun. Sie erinnert sich daran, dass ihr Vater ihr einmal erzählt hatte, dass in Deutschland mit langen breiten Schwerten gekämpft würde und fragt sich, ob ihr nächtlicher Besucher nun auch ein solches ziehen würde, aber als sie ihn mit Hand am Rapier ungeduldig im Hauseingang stehen sieht, wird ihr bewusst, wie ernst die Situation ist, und sie eilt nach unten. “Nehmt mich mit. Dort draußen kriegen sie höchstens mich, hier ist meine ganze Familie in Gefahr.”


“Ich weiß wirklich nicht, ob das so eine gute Idee ist.”, meint der Maskierte, als Bellevie ihn an der Hauspforte einholt. Und trotzdem lächelt er. “Dort drüben habe ich…”
Ein fernes Klicken, dann ein Zischen und mit dem Klang zersplitternden Holzes prallt ein Armbrustbolzen gegen den Türrahmen – nur Zentimeter von Bellevies entfernt. Dort, auf dem gegenüberliegenden Hausdach ist eine Gestalt in schwarzem Mantel zu erkennen, es ist der Schütze! Und er lässt die schwere Armbrust fallen, um aus dem Blickfeld zu verschwinden. Der Maskierte eilt ihm nach und überquert die Straße, den Rapier fest in der Rechten – kein klobiges deutsches Schwert.
Noch bevor Bellevie nachsetzen kann bemerkt sie etwas, das sie unweigerlich stocken lässt. Auf dem Pfahl des schmiedeeisernen Zauns, der das Haus umgibt, sitzt ein großer Rabe, er blickt direkt zu ihr. Seine Augen funkeln in einem unnatürlichen Gelb und Bellevie kann förmlich spüren, dass es nicht die Augen eines einfachen Vogels sind. Nein, sie kennt diese Augen. Es sind dieselben bösartigen, gelben Augen der Schlange aus ihrem Traum! Ruhig sitzt der schwarze Vogel da, legt den Kopf leicht zur Seite. Es ist, als sehe er direkt in sie hinein, ein völlig unwirkliches Gefühl.


Bellevie fröstelt, als sie den Raben erblickt. Ein Schauer läuft ihr über den Rücken, als sie sich vorstellt, dass dieses Tier direkt in sie hinein schaut. Sie will nicht, dass es etwas von ihr erblickt, sie fühlt sich exponiert, beschmutzt. Eigentlich will sie dem Fremden hinterher eilen, aber sie kann ihren Blick nicht von dem unheiligen Tier abwenden. “Verschwinde, Teufel”, sagt sie mit bebender Stimme. “Dies ist ein Haus des Herrn und hier gibt es nichts für dich außer deinem Verderben.”


Als der große, schwarze mit den unheimlichen gelben Augen den Schnabel öffnet und krächzt, kann Bellevie fast für einen Moment meinen, er wolle sie und ihre Worte verhöhnen. Doch dann breitet er die dunklen Flügel aus und flattert davon, verschwindet in der Dunkelheit. Wenn Bellevie sich umblickt, ist auch ihr maskierter Begleiter verschwunden – auch von dem feigen Attentäter ist nichts mehr zu sehen. Er muss ihm längst gefolgt sein. Doch sie hört etwas anderes. Dort von rechts, auf der Straße, nähern sich langsam zwei Reiter. In dem Licht, das sie mit sich führen, kann Bellevie die blauen Waffenröcke der königlichen Musketiere erkennen. Ein seltener Anblick des nachts, so weit vom Louvre entfernt, doch bei den aktuellen Gerüchten um ungefasste Mörder in der Stadt wohl auch keine allzu große Überraschung. Sie steuern direkt auf sie zu.


Bellevie versucht sich zu sammeln, richtet ihren hastig angezogenen Mantel und blickt noch einmal ihrem verschwundenen Beschützer nach. Hoffentlich habt Ihr ihn erwischt, Monsieur Masque. Sie ärgert sich sichtlich, nicht sofort hinter ihm hergesprintet zu sein, und richtet ihre Aufmerksamkeit leicht genervt auf die Musketiere. “Guten Abend.”


“Bonsoir, Mademoiselle. Alles in Ordnung? Ihr solltet des Nachts hier nicht alleine auf der Straße sein, Ihr habt gewiss gehört, dass eine Bande Mörder frei herumläuft?”


“Ja, in der Tat hörte ich davon”, antwortet sie und nickt den Musketieren zu. “Ich wurde von einem lauten Geräusch vor meinem Fenster geweckt. Und als ich gerade aus dem Haus ging um nachzuschauen, ob dort vielleicht ein Vogel gegen die Scheibe geflogen ist und sich verletzt hat, schlug ein Armbrustbolzen neben mir in die Wand ein.” Sie geht die paar Schritte zur Haustür zurück und hebt den abgeprallten Bolzen auf, um ihn den beiden zu zeigen. "Der Schütze ist irgendwo dorthin in die Nacht geflohen. Aber ich muss zugeben, dass ich äußerst erschrocken bin und mich ängstige – ein solches Attentat? Hier, auf offener Straße, wenn auch nachts? Warum sollte jemand meiner Familie etwas antun wollen? "


“Das ist ja furchtbar, Mademoiselle! Doch keine Sorge, Ihr seid nun in Sicherheit.”
Während einer der beiden Musketiere sich auf macht, dem Attentäter und seinem Verfolger nachzueilen – was im Dunkel der nächtlichen Stadt niemlich erfolglos sein dürfte, bleibt der andere bei Bellevie zurück, um sich über die genauen Umstände des Anschlags zu informieren.
“Wenn es Euch beruhigt, Mademoiselle, werde ich den Rest der Nacht vor Eurem Haus zubringen und Acht geben, dass der Übeltäter nicht zurückkehrt und es erneut versucht.”


Bellevie stimmt zu und beschreibt den beiden die zuvor von ihr ausgedacht Situation noch einmal detaillierter, ohne dabei viel Neues Hilfreiches beitragen zu können. Anschließend legt sie sich wieder in ihr Bett und verbringt den Rest der Nacht ohne ein Auge zu schließen, jedes Mal zusammen zuckend, wenn sie ein lautes Geräusch hört.


Weder von dem Attentäter noch von dem Maskierten hört Bellevie in der Nacht und am folgenden Tag noch irgendetwas. Doch heute, noch einen Tag später, erreicht sie ein Brief. Er muss des Nachts unter der Tür der Villa durchgeschoben worden sein und ist an sie adressiert. Der Umschlag ist versiegelt, doch das Wachs zeigt weder Wappen noch Siegel.

“Ehrenwerter Mademoiselle,
ob Ihr es schon ahnt oder nicht – Euer Leben ist in Gefahr, genauso wie das meinige. Trotzdem muss ich Euch bitten, einem Fremden zu vertrauen und mich heute Nacht zu treffen. Ich kann Euch Antworten geben, die Ihr sucht, doch Ihr müsst Euch bewusst sein, dass jede Wahrheit ihren Preis hat. Ich will Euch berichten von der Pflicht und dem Erbe Eurer Familie und ich will Euch erklären, warum mein Kampf auch der Eure ist. Eine Stunde nach Mitternacht in Saint-Michel du Palais in der Conciergerie. Das Vermächtnis Eures Vaters wird Euch den Weg weisen. Kommt allein und seid wachsam, denn Feinde lauern überall. Traut niemandem!

Bibliothecarius"

Ein nächtlicher Besucher

Régime Diabolique Andi_SL