Ein blutiger Empfang

Der Frühling des Jahres 1636 ist gerade über die gotische Metropole an der Seine hereingebrochen, als Hans und Knut nach langer Reise endlich ihr Ziel erreichen. Da liegt sie vor ihnen – in all ihrer zweifelhaften Pracht – die Hauptstadt jenes Königreichs, mit dessen Soldaten die beiden bis vor kurzem noch im Krieg lagen. Doch so schnell können sich die Fronten verschieben, wenn man plötzlich weiß, dass es um noch so viel mehr geht als nur Konfessionen und Dynastien – um den uralten Kampf des Guten gegen das Böse. Es war nicht einfach gewesen, als deutsche Söldner mitten im Krieg nach Westen zu ziehen. Dass Knut bei jeder Gelegenheit seinen Glauben verleugnet und jedem etwas von Calvin erzählt hat, mag zwar verhindert haben, dass man die beiden als Soldaten der Habsburger identifizierte, doch Liebe brachte das ihnen ebenso wenig entgegen. Hans wird sich sicher sein, dass Jaques es gewesen sein muss, der Knut vom Calvinismus erzählt hat – er wüsste jedenfalls nicht, wie der Pferdeknecht ansonsten darauf gekommen sein soll. Die List geht jedenfalls auf und man scheint sie für protestantische Flüchtlinge aus Deutschland zu halten.
Während im Pariser Umland die Pflanzen zu blühen beginnen und ein wohliges Frühlingsaroma verbreiten, macht sich doch bald der gewöhnungsbedürftige Gestank der Großstadt bemerkbar. Ungewaschene Leiber und ihre Hinterlassenschaften vermischen sich mit einer ungesunden Vielzahl an Parfums und schrecklich intensiven Kunstdüften, als man am Mittag eines der Stadttore von Paris erreicht. Auch hier wird man alles andere als freundlich empfangen. Die Wache ist den beiden Ausländern gegenüber sehr skeptisch, doch zum Glück versteht Hans inzwischen genug von dieser furchtbaren Landessprache, um unter einem Vorwand passieren zu können. Es reicht auch, um sich zur Enclos du Temple durchzufragen, denn dort liegt die Adresse, die Jaques ihnen mitgegeben hat. Das gesuchte Hôtel liegt direkt an der mittelalterlichen Burg im Nordosten der Stadt, die von den Bewohnern Temple genannt wird. Als man das Ordensgebiet der Hospitaler betreten will, wird man erneut aufgehalten. Das Misstrauen der Leute hier scheint gigantisch, doch es soll sich bald zeigen, woran das liegen könnte. Jenes gesuchte Hôtel entpuppt sich als alles andere als ein Gasthaus – es handelt sich dabei um ein großes, freistehendes Gebäude mit mehreren Stockwerken und einer Mauer, die es von der Straße abschirmt. Und was sich dort am Tor zuträgt ist noch viel ungewöhnlicher. Männer, die das Zeichen des Hospitalerordens tragen, sind damit beschäftigt, mehrere in Laken verhüllte Leichname auf einen Wagen zu laden. Auf dem Weg zum Haus und selbst an den Wänden neben der großen Tür kann Hans den vertrauten Anblick von getrocknetem Blut erkennen. Hier muss sich etwas furchtbares zugetragen haben.


Missmutig verzieht Hans das Gesicht. Nichteinmal im Herzen Frankreichs ist man sicher vor den Gräueln der Bestie Mensch. Oder war es vielleicht eine andere Art von Bestie? Vorsichtig tritt der hochgewachsene Deutsche an einen der Schaulustigen heran. “Bonjour Monsieur. Was im Namen der heiligen Jungfrau ist den hier nur geschehen?” Mit einer knappen Geste der Hand weißt er auf die schauerliche Szene.


Es haben sich in der Tat zahllose Schaulustige auf der Straße vor dem Hôtel versammelt. “Es ist furchtbar, Monsieur! Heute Nacht soll eine Bande feiger Mörder hier eingedrungen sein und ein Blutbad angerichtet haben. Die meisten der Opfer sind wohl Hospitaler, aber es sollen sogar Frauen darunter sein. Und mein Cousin, der hier ganz in der Nähe lebt, hat mir erzählt, er will heute Nacht gehört haben, wie nach dem Kampfeslärm ein Mann auf den Balkon dort oben trat und etwas gerufen hat. Gilles de Rais, tu es vengé – das soll er gerufen haben. Könnt Ihr Euch das vorstellen?”
Während sich Hans mit dem Mann unterhält, wird er im Gedränge der Schaulustigen plötzlich unsanft angerempelt. Aus den Augenwinkeln kann er noch einen fremdländisch aussehenden Mann erkennen, doch ehe er die Chance auf eine empörte Reaktion hat, fällt ihm etwas auf. Da steckt ihm plötzlich ein Stück Papier im Ärmel. Als er den Zettel entfaltet, kann er erstaunt feststellen, dass dort etwas geschrieben steht. Das mühsame Entziffern der Lettern bringt sogar deutsche Worte zum Vorschein!

“Trefft mich um Mitternacht auf dem Feld der Unschuldigen. Ich warte bei unserem Schutzherrn.
- Ein Freund von J."


Was hat dieser Sarazene mit Jaque zu schaffen? Was ist dieses Feld der Unschuldigen? Und wo ist es? Könnte er diesem Fremden überhaupt soweit vertrauen, nach diesem Blutbad, das hier geschehen ist? Andererseits hatte er in Anbetracht der Umstände wohl kaum eine andere Wahl…
Vorsichtig faltet er den Zettel und schiebt ihn unter sein Wams. Sein Blick schweift über die Menge, als ob er hofft den Fremden noch einmal zu erblicken. “Knut! Bursche zu mir!” tönt die tiefe Stimme durch die Menge. Die ungewohnten französischen Worte klingen selbst in seinen eigenen Ohren falsch und roh wie zerbrochenes Glas. “Knut, wir müssen herausfinden wo ein Feld der Unschuldigen liegt. Tu dein bestes Bursche.” Sagt er nun mit deutlich gesenkter zu seinem treuen Dienstmann. “Ach und wenn du etwas über einen Gilles de Rais dabei herausfindest ist da auch noch ein Groschen extra für dich drin.”


Tatsächlich kann Knut nach einigem Herumfragen recht schnell die Vermutung äußern, dass mit dem “Feld der Unschuldigen” der innerstädtische Pariser Friedhof Cimetière des Innocents gemeint sein könnte. Und natürlich will er sich auch den Extragroschen nicht entgehen lassen und verkündet stolz: “Mein Herr, dieser Gilles de Rais ist ein örtlicher Hutmacher, der sein Geschäft links der Seine hat.” Aus den Augenwinkeln beobachtet Hans eine Nonne, die die beiden passiert und bei der Nennung des Namens Gilles de Rais erschrocken das Gesicht verzieht und sich bekreuzigt. Das muss aber ein übler Hutmacher sein – sofern Knut hier die Wahrheit spricht…


“Ah ein Hutmacher? Den Kerl werden wir uns doch morgen einmal genauer ansehen.” Er kramt einen Sou aus der Geldkatze und schnippt ihn Knut zu. “Gut gemacht Bursche!” Wieder gleitet sein Blick über die Passanten, die hier mittlerweile wiedig ihren Geschäften nach gehen. Also Nachts auf einen Friedhof? Klingt doch so, als ob ich mein Schwert noch einmal wetzen sollte, bevor es heute nacht vielleicht Arbeit bekommt. “Lass uns eine Garküche suchen, die ein paar anständige Würste verkauft.”
Die Nacht hat ihre dunklen Schwingen über der Metropole an der Seine ausbreitet. Vereinzelt sieht man noch die Lichter der lebenden Stadt umher, vereinzelt dringt ein Ruf oder ein Lachen aus der Stadt in die stille hindurch, doch hier auf dem Cimetière des Innocents ist der Schatten und die Stille von verwitterten Grabsteinen und dem ein oder anderen Mausoleum zu erblicken. Der schwere Geruch von feuchter Erde und verwelkten Blumen schwängert die kalte Nachtluft. Im Schutz der Statue des heiligen Michaels hat sich Hans hier niedergelassen, das lange Schwert vor sich auf die Knie gelegt. Schon seit einer STunde wartet er hier auf den mysteriösen Sarazenen, die angst den Mann zu verpassen hat ihn viel zu früh auf das Gräberfeld getrieben. Sein Blick wandert wieder einmal über die Grabreihen, und verharrt nur kurz an dem Stein, in dessen dunklen Schatten Knut sich versteckt hat. Seine große Streitaxt fest mit beiden Händen umklammert hockt der Knecht da, sichtlich unwohl ist es ihm auf diesem Friedhof. Er zuckt erschrocken zusammen als die erste der Kirchenglocken beginnt Mitternacht zu schlagen, und kurz darauf fallen auch die anderen Glocken von Paris in das nächtliche Geläut ein.
War da nicht eine Bewegung zwischen den Schatten? Hans erhebt sich von dem kalten Stein der die letzten Minuten sein Ruheplatz gewesen war, und lässt knackend die Schultern kreisen.


Der letzte dumpfe Glockenschlag aus dem Turm der Aux Saints-Innocents in der Rue Saint-Denis ist gerade verklungen, als Hans eine einzelne Gestalt wahrnimmt, die langsam auf das Abbild des Erzengels zuschreitet. Es kommt einem vor, als wäre sie aus dem Nichts aufgetaucht, doch der dichte Bodennebel, der sich in dieser feuchtkühlen Nacht auf dem Gräberfeld gebildet hat, mag die Gestalt bislang auch nur verborgen haben. Schon bald steht der Unbekannte direkt vor Hans und der Statue. Der lange Kapuzenmantel lässt wenig von der Gestalt des Fremden erahnen – doch es sollte der Größe und Statur nach wohl ein Mann sein. Selbst als er nah genug ist, dass Hans einen Blick unter die Kapuze erhaschen kann, sieht er da nur das Weiß einer fremdartigen Maske.
“Guten Abend, mein Freund.”, spricht er in einem trotz hörbarem französischen Akzent sehr gut verständlichen Deutsch. “Ihr seid also der, den mir unser gemeinsamer Freund angekündigt hat? Verzeiht mir die Verstohlenheit meines Auftretens, doch alles andere brächte mein Leben in noch größere Gefahr, als es in diesen dunklen Zeiten ohnehin schon ist. Ich bin der Bibliothekar und das ist der einzige Name, den ich Euch nennen kann. Doch wir haben nicht viel Zeit, daher will ich mich kurz fassen. Ihr habt gesehen, was gestern Nacht am Temple geschehen ist. Unsere Brüder und Schwestern wurden ermordet – von einem dunklen Feind, der auch nach meinem Leben trachtet. Ich gehe ein großes Risiko ein, mich hier heute Nacht erneut in Paris zu zeigen, denn der Feind ist noch immer in der Stadt. Und er sucht weiter. Unser Bund in Paris ist nahezu ausgelöscht, doch es besteht noch Hoffnung. Der Hüter des Arsenal Béni ist den Klauen des Raben entkommen. Und mit Eurer Hilfe wird er den Bund neu aufbauen. Unser Freund hat Euch einen heiligen Eid schwören lassen – und es werden weitere folgen. Wir werden alte Pflichten einfordern, um neue Streiter für die heilige Sache zu rekrutieren. Wenn es soweit ist, werde ich Eure Hilfe benötigen. Unternehmt unterdessen nichts, was unsere Sache in Gefahr bringen könnte und haltet Euch bedeckt. Die Zeit, da wir zurückschlagen, wird früh genug kommen, doch zunächst müssen wir uns neu formieren. Ich habe für Euch ein Zimmer in einem Gasthaus auf der Île-de-la-Cité angemietet – es heißt Le Pendu und dort werdet Ihr vorerst wohnen können. Und dort werdet Ihr auch erneut von mir hören, wenn es soweit ist. Bis dahin bleibt mir nur, Euch dieses Zeichen Eurer heiligen Pflicht zu übergeben. Ihr werdet es noch brauchen – doch trag es niemals offen.”
Er holt aus der Tasche seines Mantels einen alten, silbernen Ring hervor. Das Symbol auf der Vorderseite zeigt den heiligen Michael auf einem Felsen im Kampf mit einer Schlange. Nachdem er das Schmuckstück übergeben hat, blickt sich der Bibliothekar vorsichtig um.
“Jeder weitere Moment, den ich hier verbringe, bringt sowohl Euch als auch mich in Gefahr – daher werde ich Euch nun verlassen. Ihr hört von mir.”
Und mit diesen letzten Worten, ohne Gegenfragen zuzulassen, verschwindet er wieder in der Dunkelheit.


Frustriert lehnt sich Hans auf seinem Bett sitzend zurück. Das kleine Gasthaus hatte sich als durchaus annehmbare unterkunft erwiesen. Ach wem wollte er etwas vormachen. Es war eine bessere Unterkunft, als er sie die meißte Zeit seines Lebens genießen durfte. Aber das warten auf eine Nachricht frustrierte ihn. Und sich bedeckt halten? Nun Herr Rais würde seinem Hutmachergewerbe eben noch ein wenig länger unbehelligt nachgehen können. Doch vergessen hatte er den Schurken nicht.
Als plötzlich die Zimmertür aufging hat er das lange Schwert schon halb gezogen, bis er das maunzende Lumpenbündel als seinen Knecht erkennt. Knut hatte es geschafft in den letzten Tagen zum Herren einer ganzen Horde von streunenden Katzen zu werden, und zeigte Hans nun stolz das neueste Mitglied seiner erlesenen Schar. Ein alter Kater. Nur noch ein Auge, zerfetzte Ohren, und mehr knotiges Narbengewebe als Fell, hatte sich in die Armbeuge des Mannes eingekuschelt und schnurrte mit der intensität eines Mühlsteins mit deim ein geistesgestörter Müller Kies zu Mehl verarbeitet.
“Was? Äh ja….ich glaube auch das Herr Putzi ein guter Name ist Knut….”


Endlich ist es soweit. Heute hat man im Gasthaus Le Pendu einen Brief für Hans hinterlegt. Der Umschlag ist versiegelt, doch das Wachs zeigt keinerlei Wappen.

“Ehrenwerter Bruder,
der Tag der Erneuerung, den ich Euch ankündigte, ist endlich gekommen. Trefft mich heute Nacht zur alten Zeit in Saint-Michel du Palais in der Conciergerie. Dort werden wir reden können. Der Ring weist Euch den Weg.

Bibliothecarius"

Ein blutiger Empfang

Régime Diabolique Andi_SL